Das schlaegt auf den Magen
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PferdeWoche MEDIZIN 8. Februar 2012 23 Magengeschwüre bei Pferden
Das schlägt auf den Magen
Magengeschwüre und chro- nische Magenentzündun- gen kommen bei Pferden häufig vor. Nimmt man die statistischen Zahlen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, ein Pferd mit Magenge- schwüren zu haben. Nicht nur Spitzensportler, son- dern vermehrt auch Frei- zeitpferde erkranken daran. Verantwortlich dafür ist vor allem die falsche Fütterung und häufig auch Stress. Aber es gibt ebenso andere Ursachen dafür. Wie entste- hen Magengeschwüre und was kann man tun, damit es gar nicht so weit kommt? Die «PferdeWoche» suchte nach Antworten bei Dr. med. vet. Dorothe Meyer.
Melina Haefeli
«Bis vor ein paar Jahren wa- ren Magenentzündungen und Magengeschwüre gar kein Thema. Der einfache Grund dafür ist, dass sie vor- her nicht diagnostiziert wur- den. Das änderte sich erst, als der Medizingerätemarkt Endoskope bereitstellte, die für eine Untersuchung des Pferdemagens lange genug und vom Preis her günstig genug waren», erklärt Dr. med. vet. Dorothe Meyer. Die Tierärztin und Mi- krobiologin setzte sich als Fütterungsexpertin intensiv mit dem Thema Pferdema- gen auseinander. Die Statis- tik besagt, dass 90 Prozent aller Rennpferde und rund 60 Prozent aller übrigen Pferde unter Magenge- schwüren leiden. «Auch Freizeitpferde sind keines- wegs frei davon. Vermutlich leiden fast alle Pferde – egal ob Fohlen, Freizeitpartner oder Hochleistungsathlet – mehrfach in ihrem Leben an einer Magenentzün- dung», führt Dr. Meyer wei- ter aus.
Magen bleibt Wildpferdemagen
Es handelt sich beim Pfer- demagen um eine kleine, untergeordnete Durchlauf- station, die dem ständig an-
Stresssituationen entstehen durchaus auch in Herden- oder Offenstallhaltung.
Stunden.» Das heisst, die erste Ursache für Magenge- schwüre fängt bereits bei den zu langen Fresspausen an. Länger als vier Stunden ohne Futter bedeutet den Angriff der Magensäure auf die Magenschleimhaut. Dieses Problem besteht in vielen Ställen, weil nur zweimal täglich eine grosse Menge Heu gefüttert wird. «Denn Magensäure beim Pferd wird – anders als bei uns oder unserem Hund – im Drüsenteil des Pferde- magens kontinuierlich ge- bildet. Also unabhängig von der Nahrungsaufnah- me und vor allen Dingen rund um die Uhr», betont die Spezialistin.
Durch die Zweiteilung des Magens wird der eingespei- chelte Nahrungsbrei aus der Speiseröhre zunächst in den drüsenlosen Teil des Magens geschleudert und dort zunächst vorverdaut. Anschliessend gelangt der durchsaftete Nahrungsbrei in den Salzsäureteil des Ma- gens, in dem dann die Mi- kroben abgetötet werden und die Verdauung für den Darm vorbereitet wird. «Die gesamte Verdauungs- physiologie des Pferdes ist auf seine ursprüngliche Ernährungsform ausgerich- tet. Langandauerndes Fres- sen rohfaserreicher Nah- rung (Gras, Heu) bedingt aufgrund vermehrter Kau- tätigkeit die Absonderung von viel Speichel, was den Mageninhalt aufgrund des hohen Flüssigkeitsge- haltes locker macht und mit der Magensäure gut ver- mischt», erklärt Dr. Meyer weiter.
Mangelnde Pufferung mit Bicarbonat
Der Pferdespeichel enthält so gut wie keine Enzyme, aber dafür ist er sehr reich an Bicarbonat. Bicarbonat ist ein exzellenter Säurepuf- fer. Um ein Kilogramm Krippenfutter zu fressen, braucht das Pferd nur zehn Minuten und macht dabei
kommenden, gut vorgekau- ten Nahrungsbrei perma- nent Magensaft hinzufügt, so dass dieser schliesslich den Dickdarm wohl vorbe- reitet erreicht. Es gibt zwei Arten von Schleimhäuten im Pferdemagen: Die drü- senhaltige und die drüsen- lose Schleimhaut. Die meis- ten Magengeschwüre ent- stehen am Übergang dieser beiden Schleimhäute. An- fällig ist aber auch die drü- senlose Schleimhaut. Der im Verhältnis sehr kleine Magen ist darauf ausgelegt, rund um die Uhr Futter zu verdauen. Die Drüsen der Magenschleimhaut produ- zieren Magensäure zum Zersetzen der Nahrung 24 Stunden lang. «Diese Kon- struktion ist wunderbar ge- eignet für einen Pflanzen- fresser, der in freier Wild- bahn mit Freunden ab- hängt, maximal eine Stunde am Tag schläft, zusätzlich noch ein wenig döst, gerne zwischendurch mit Kum- pels spielt und soziale Fell- pflege betreibt, aber dabei stets mitten im Essen steht und täglich 16 bis 18 Stun- den mit der Füllung seines Magens beschäftigt ist», ver- deutlicht Dr. Meyer und fügt an: «Das Leben dieses Pflanzenfressers ist zudem absolut stressfrei, abgese- hen von den seltenen An- griffen grössenwahnsinni-
ger Berglöwen, denen man in sicherer Gemeinschaft in schneller, relativ kurzer Flucht problemlos ent- kommt. Die Unannehm- lichkeit Berglöwe haben unsere Hauspferde nicht mehr, dafür haben sie sich eine Reihe neuer Stress- faktoren und andere Her- ausforderungen eingehan- delt – speziell für ihren Ma- gen. Trotz Domestizierung ist er immer noch der ur- sprüngliche Wildpferdema- gen.» Zu Essen gibt es, was vorgesetzt wird; unsere Vierbeiner stehen nicht mehr 24 Stunden im Essen, sondern bekommen es zu- geteilt. Statt primär faser- reicher Nahrung gibt es jetzt auch konzentrierte Getreidemahlzeiten. Mit Kumpels abzuhängen ist keineswegs mehr selbstver- ständlich; das Laufbedürf- nis ist in Boxenhaltung stark eingeschränkt. Der Boxennachbar wird einem einfach vor die Nase ge- setzt; wer im Offenstall lebt, steht eventuell unter Dau- erstress wegen Unverträg- lichkeiten unter «Herden- mitgliedern» und noch so manches mehr wie Trans- porte, Trennung von Freun- den und so weiter. Dies sind alles Stressfaktoren und Stress erhöht die Magen- saftproduktion. «Das Pferd ist von seiner Psyche her
ein extrem adaptionsfähi- ges Wesen – das ist die gute Nachricht. Jedoch ist sein Magen gar nicht adaptions- fähig, bestimmte Grundge- gebenheiten müssen erfüllt werden oder der Magen wird krank», fügt die Fütte- rungsexpertin hinzu.
«Gut gekaut ist halb verdaut»
Diese Redensart trifft beim Pferd voll ins Schwarze. Die Erläuterungen von Dr. Meyer zur Futteraufnahme, zum Kauverhalten und zur Magenverdauung schaffen Klarheit: «Ein Pferd bildet in 24 Stunden fünf bis zehn Liter Magensaft pro 100 Ki- logramm Körpergewicht. Das sind bei einem 600 Ki- logramm schweren Ein- hufer stolze 30 bis 60 Liter am Tag. Magensaft enthält zum grössten Teil Salzsäure und ist richtig sauer. Der Pferdespeichel enthält eine Lauge (Bikarbonat), die diese Säure abpuffert. Viel Speichel bedeutet also viel Pufferung des sauren Ma- gensaftes. Magensaft ohne Speichel – also ohne Fres- sen – greift die Magen- wände an. Das Pferd sollte möglichst rund um die Uhr Raufutter zu sich nehmen, um diesem Mechanismus gerecht zu werden, denn die Magenpassage dauert nur zwischen einer bis fünf
Fotos: Lothar Lenz


































































































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