Page 4 - Bitte zu Tisch
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THEMA DES MONATS
THEMA DES MONATS
Das magenkranke Pferd
Magengeschwüre können Auslöser falscher Fütterung sein. Laut neuester Studie: Keine Portion mehr als 1,8 Kilo Hafer. Also: Viele Portionen pro Tag!
mit langen Futterpausen. Die sind be- sonders bei Boxenpferden extrem, die auf Sägespäne stehen. Kommt abends um 18 Uhr noch eine Drei-Kilo-Heu- Portion, ist die allerspätestens nach drei Stunden zu Ende gekaut. Dann wartet das Pferd mit tatsächlich knurrendem Magen elf Stunden lang, bis morgens um acht die nächste Portion Heu kommt. „Späne-Einstreu sind ein Grundübel“, findet Dr. Hans-Peter Karp von Derby- Pferdefutter aus Münster. Seiner Mei- nung nach sollte es nur im Notfall vorü- bergehend Späneboxen geben.
Stress kann mit falscher Fütterung und falschem Fütterungsmanagement zu- sammenhängen: Stress erhöht die Pro- duktion von Magensaft. Dr. Dorothee Meyer von Iwest erklärt: „Ein Pferd bil- det in 24 Stunden fünf bis zehn Liter Magen- und Pankreassaft pro 100 Kilo- gramm Körpergewicht.“ Bei einem 600-Kilo-Pferd sind das 30 bis 60 Liter Magen- und Pankreassaft, also bis zu sechs vollen Eimern! „Magensaft enthält zum größten Teil Salzsäure. Der Pferde- speichel enthält eine Lauge, die diese Säure abpuffert“, erklärt Dr. Meyer. Des- halb ist es wichtig, dass Pferde und vor allem die Magenkranken viel Heu be- kommen. Denn für ein Kilo Heu muss ein Pferd etwa 40 Minuten kauen. „Pro Minute kaut ein Großpferd 60 bis 80 mal und produziert 50 bis 90 Milliliter Spei- chel. Ein Kilo Heu ergibt vier Liter Spei- chel!“ Magenkranke Pferde hätten in der Regel auch im weiteren Verdauungstrakt Schwierigkeiten, so Dr. Meyer. Magenkranke Pferde fressen auch un- gern spätgeerntetes extrem holziges Heu. Deshalb: Besser früher geerntetes Heu, das leichter verdaulich ist. Viele Magen- geschwüre kommen auch von schlechten Zähnen. Wer schlechte Zähne hat, kaut weniger. Wer weniger kaut, speichelt we- niger ein. Wer weniger einspeichelt, hat weniger Puffer für die Magensäure. Pferde bilden 24 Stunden am Tag Magen- säure. Das heisst: Sie müssten eigentlich 24 Stunden fressen oder zumindest keine längeren Fresspausen haben als vier Stunden. „Das ist nicht leicht einzuhal- ten. Abends um zehn Uhr hat kaum ein Pferd in großen Pensionsställen noch
WANTED:
Der große Fress-Test
Wir suchen gemeinsam mit der Firma Weinsberger fünf Problempferde für den großen Fress-Test. Die Probanden werden zwei Monate mit je einem Kraftfutter-Dosiergerät ausgestattet, installiert von Weinsberger. Dieses Ex- periment wollen wir redaktionell begleiten. Schicken Sie uns bis zum 30. Januar eine mehrzeilige Bewerbung mit Foto an brief@reiterrevue.de, Stich- wort „Fresstest“, und schildern Sie uns Probleme und Haltung Ihres Pferdes. Zu dick? Zu dünn? Schlechter Fresser, der sein Futter nicht vollständig auf- nimmt? Koliker? Ist Ihr Pferd beim Füttern aggressiv und schlägt gegen die Wand? Wir wählen die fünf Kandidaten aus und benachrichtigen Sie. Vor 17 Jahren kam diese Gemeinschaftsentwicklung der Bundesforschungsanstalt und Weinsberger auf den Markt, die schnell zum sogenannten Kraftfutter- dosiergerät heranreifte. Bei der sogenannten Trippel-Fütterung rieseln im- mer nur so viele Pellets, Körner oder Müsli heraus, wie das Pferd mit den Lippen aufnehmen kann. Damit will Weinsberger ein heftiges Schlingen ver- meiden, was auch Futterneid und Fressgier auslöst. Zwölf Portionen täglich – das war damals das Bauchgefühl von Weinsberger-Chef Wolfram Sten- del, was sich als völlig richtig herausstellte. www.weinsberger.de
Es haben 75 bis 80 Prozent der Reit- pferde ein Defekt am Epithel, also Hautoberschicht des Magens. Das
sind keine Magengeschwüre mit Blutun- gen wie wir sie uns vorstellen. So extrem ist es nicht. Aber die Magenschleimhaut sieht aus, als habe sie eine oberflächliche Verätzung“, so der Leipziger Ernährungs- wissenschaftler Professor Manfred Coe- nen. Die Tiere würden zum Großteil keine auffälligen Krankheitsanzeichen aufweisen – „dennoch ist ein beschädig- tes Epithelgewebe nicht in einem physio- logischen Zustand!“ Der Prozentsatz ist bestätigt – international gibt es genügend Studien, die sich alle ähneln. Ein Magen- geschwür sicher zu diagnosti-
zieren, erfordert eine Ma- genspiegelung. Typische Anzeichen sind mit dem Endoskop gut zu erken- nen. Vom Verhalten des Pferdes gibt es Indizien für ein Magenge- schwür: Abwehr
und Unwillen beim
Satteln, häufiges
Gähnen, Kotwasser
– ein Stresszeichen!
– häufige Koliken, widerwilliges Bergab- laufen, Triebigkeit, die Pferde lassen sich ungern versammeln.
Magengeschwüre werden durch Stress ausgelöst. Stress aller Arten, auch durch nicht passendes Sattelzeug. Professor El- len Kienzle von der Münchner Universi- tät definiert Unruhe und Aggressivität in Reithallen auch als Stressfaktor. Ihr Vor- schlag, um Chaos und Stress zu reduzie- ren: „Abteilungsreiten ist für viele Pferde unglaublich beruhigend.“
Stress entsteht auch durch Alleine-Sein von kleben- den Pferden, schlech-
tes Futter, zu lan-
ge Futterpausen oder Stress im Offen- stall, wenn die Gruppe nicht zu- sammenpasst oder es ständig einen Wechsel gibt. Umgekehrt ist in großen Pensionsställen Stress zur Futterzeit: Wenn der Futterwagen bei den ersten Pferden ist, müssen die in den hinteren Boxen gut und gerne bis zu 20 Minuten warten, bis ihre heiß ersehnte Portion im Trog landet.
Stress pur: Warten aufs Futter
Diesen Stress lassen die Pferde raus: Sie reagieren sich mit Klopfen, Nachbarn angiften oder Kopf schlagen ab. Solches
Stressempfinden haben die Wissen- schaftler Torsten Hohmann, Peter Kreimeier, Franz-Josef Bockisch
und Willa Bohnet für eine Studie ge- messen. Dabei fanden sie heraus, dass bei manueller Fütterung die Belastung fürs Pferd sich erhöht, je länger die Wartezeit
dauerte.
Zu den umfangreichen Ergebnissen zählt folgendes Fazit: Wird per Fütterungsau- tomat der ganze Stall gleichzeitig gefüt- tert, ist das für die Pferde wesentlich stressreduzierter.
In der wissenschaftlichen Diskussion wurden andere Vorteile der Futterauto- maten besprochen: Zeitersparnis für das Personal sowie – und das ist für magen- kranke oder dünne Pferde ein wesentli- cher Vorteil: Die Möglichkeit für viele Portionen über den Tag verteilt. Denn Stess hat das Dauer-Fresstier Pferd auch
Speisekarte bei Bauchweh
•Regel 1: Kraftfutterlastige Fütte- rung vermeiden, was kein Pro- blem ist. Ausnahme: Hochleis- tungspferde.
•Regel 2: Kleine und viele Porti- onen. Nicht mehr Kraftfutter pro Mahlzeit als 1,8 Kilo Hafer für den 600-Kilo-Warmblüter.
•Regel 3: Heu vor Kraftfutter! •Regel 4: Heu ad libitum/nach
Belieben.
•Regel 5: Magenschonende Er-
gänzungen, etwa Leinsamen- schleim: einfach Leinsamen mit heißem Wasser übergießen oder aufkochen lassen und ins Futter oder mit Kleie und Hafer- schleim mischen. Oder ent- sprechende Präparate vom Tierarzt.
Heu und die nächste Fütterung gibt es erst morgens“, weiß Dr. Meyer. Tipp: Abends die größte Portion Heu geben. Tagsüber fressen Pferde erfahrungsge- mäß weniger Heu als in der Nacht. Mor- gens und Mittags eine kleine Portion. Um dem magenkranken Pferd Dauerfut- ter anzubieten, empfehlen sich frei schwebende Heunetze mit kleiner Knüp- fung, damit es sehr schwierig und zeit- aufwändig fürs Pferd ist, die einzelnen Hälmchen rauszuziehen. Das verlängert die Fresszeit. Kehrseite: Die Heunetze müssen etwas höher hängen, damit die Pferde nicht reintreten.
Maximal 1,8 Kilo pro Portion!
Zur Risikominderung ist Heu ad libitum, also nach Belieben zu empfehlen. Profes- sor Manfred Coenen ist überzeugt, dass sich im Normalfall Pferde an Heu nicht überfressen.
Die Menge an Kraftfutter je Mahlzeit ist hingegen unbedingt zu begrenzen, so empfiehlt Professor Coenen. „Wird pro Mahlzeit mehr als ein Gramm Stärke pro
Kilogramm Körpermasse aufgenommen, dann steigt das Risiko für Magenge- schwüre, das sind die jüngsten Erkennt- nisse einer dänischen Studie.“ Hafer hat rund 450 Gramm Stärke pro Kilogramm. Das wären also maximal annähernd drei Gramm Hafer pro Kilogramm Körper- masse, bei einem 600-Kilo-Warmblüter sind das maximal 1,8 Kilogramm Hafer pro Portion! Bei konzentratreichen Rati- onen müssen also mehr als zwei Mahl- zeiten pro Tag veranschlagt werden! „1,8 Kilogramm ist nicht sonderlich viel. Bei Leistungspferden kann es schwer fal- len, diese Größe einzuhalten, wenn die Häufigkeit der Mahlzeiten nicht einge- stellt werden kann“, so der Professor. Vielfach wird sogar in vielen Ställen ver- sucht, die dritte Mahlzeit am Tag einzu- sparen, um den Aufwand für das Perso- nal zu minimieren. „Bei Leistungspfer- den eher vier bis fünfmal pro Tag füttern, um diese Risiken abzubauen“, empfiehlt Professor Coenen.
Magengeschwüre vorbeugen kann man mit: Heu, Heu, Heu. Da sind sich sämt- liche Experten einig. COH ➣
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ILLUSTRATIONEN: C. KOLLER


































































































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