Page 3 - Bitte zu Tisch
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SCHUTZ & SICHERHEIT
25 JAHRE
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FÜR IHR PFERD
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VERSICHERUNGEN
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REITER REVUE INTERNATIONAL 1/2010 23
THEMA DES MONATS
THEMA DES MONATS
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Das dicke Pferd
Ob Pferd oder Mensch: Übergewicht ist eine Zivilisationskrankheit. Der Grund versteckt sich nicht nur im Trog: zu wenig Bewegung!
Die Diät: „Die Tiere können auch bei leichter reiterlicher Nut- zung energetisch ausreichend über Heu versorgt werden. Das einzig Notwendige ist ein vitaminisiertes Mineralfutter“, so Professor Coenen. Für übergewichtige Pferde ist ein später erster Schnitt bei der Heu- oder Silageernte, der energiearm ist, zu bevorzugen. „Natürlich braucht man Heu in ausrei- chender Qualität. Heu ist ein vergleichsweise teures Futter, es nimmt unendlich viel Platz weg. Hohe Heumengen machen die Fütterung in Ställen auf jeden Fall arbeitsreicher!“
Das Fazit, das Professor Kienzle zieht: „Die Bedingungen müssen sich ändern, notfalls ein Stallwechsel mit einer Halle zum täglichen Training.“ Wenn es in diesem Stall nur nähr- stoffreiches Heu gibt, ist das ein Problem. Man könnte mit feinmaschigen Heunetzen arbeiten, damit das Pferd lange mit dem Futter beschäftigt ist, aber in der Zeit eben weniger er- wischt. „Natürlich sind Pensionsstallbesitzer nicht bereit, für 50 Pferde Heunetze zu stopfen. Das muss man ganz realistisch sehen“, sagt Professor Kienzle. Hier muss der Pferdebesitzer selbst aktiv werden.
Einen Rationsvorschlag für dicke Pferde möchte Professor Kienzle nicht verallgemeinern. Der Grund: Der Erhaltungs- bedarf kann zwischen 0,4 und 0,7 MJ pro Kilogramm metabo- lischer Körpermasse (= Körpermasse0,75) variieren. Diät auf der einen, aber auf der anderen Seite ist es wichtig, dass Pferd nicht länger als vier Stunden reine Futterpausen haben. „Es ist ein großes Problem: Fette Pferde sind genau wie eine In- sulinresistenz zu vermeiden. Da gibt es nur eine Lösung: BEWEGUNG!“ appeliert Professor Kienzle. „Zu Fuß spazie- ren gehen und Bodenarbeit ist keine Bewegung in dem Sinne, das ist höchstens warm gemacht“, stellt Professor Kienzle klar.
Es gibt in den USA eine Studie: 51 Prozent der Reitpferde sind zu dick. In England sollen sogar 80 Prozent
übergewichtig sein. Professor Manfred Coenen vom Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik an der Universität Leipzig glaubt: „Dicke Pferde wird es wohl immer mehr geben. Eine Zivilisationskrankheit.“ Woran das liegt? „Sechs Kilo Heu und zwei Kilo Kraftfut- ter ergeben ein Versorgungsniveau für leichte Arbeit – eine Stunde Reiten mit Schritt, Trab und Galopp. Wird dieses Pferd nicht entsprechend beansprucht, wird es bei dieser Fütterung Fett anset- zen. Anders als für überschüssiges Ei- weiß gibt es für überschüssige Energie nur eine Verwendung: speichern“, sagt der Leipziger Professor.
Die Lösung zur Diät heißt: Mehr Heu, weniger Kraftfutter UND Bewegung. Da sind sich weltweit Wissenschaftler wie Praktiker einig – nur hakt die Umsetzung nicht selten am Pferdebesitzer.
Zu dick sind Pferde ab einem Body Con- dition Score (BCS) 6 und höher. Mit BCS 6 haben Pferde eine runde oder herzför- mige Kruppe, die Rippen sind bei star- kem Druck fühlbar, die Haut ist leicht verschiebbar. Mit einem BCS von 7 gel- ten Pferde als dick: Zwischen 14. und 18. Rippe liegen Fettpolster, die Haut über den Rippen ist leicht verschiebbar, die Fingerkuppen sinken etwas ein, der Hüfthöcker ist abgerundet. Bei extrem fetten Pferden mit BCS 9 ist der Hüfthöcker nicht mehr als Vor- wölbung erkennbar.
Ob es typenabhängige To- leranzbereiche gibt, ist laut Professor Ellen Kienzle, Ernährungswis- senschaftlerin aus Mün- chen, nicht wissenschaft- lich abgesichert. „Bei
Warm- und Vollblütern ist ein BCS von 5 richtig. Kaltblüter, Friesen und ähnli- che Rassen sehen wir gerne bei 6. Aber ob das für die Gesundheit wirklich richtig ist, weiß ich nicht.“
Kammfett ist Krankheits-Alarm
Das Problem der dicken Pferde ist, dass sie leichter krank werden. Fütterungs- Professor Manfred Coenen aus Leipzig erklärt: „Wenn Pferde zur Verfettung neigen, können sie eine Fehlstellung im Energiehaushalt erleiden, die Zellen ver- lieren ihre Empfindlichkeit gegenüber Insulin. Diese auch als Insulinresistenz bezeichnete Bedingung ist ein typisches Charakteristikum des metabolischen Syndroms.“ Die Zellen reagieren bei In- sulinresistenz nicht mehr auf das Signal, Glukose aufzunehmen. Dann steigen Glukose- und Insulin-
spiegel nach der Futteraufnahme stärker an als
es beim gesunden Pferd der Fall ist. Das stört den Stoffwechsel in vielfältiger Wei- se. Professor Coenen erklärt, dass man an der Fettverteilung ein erhöhtes Risiko für die Insulinresistenz ablesen kann. „Eine relativ gleichmäßige Fettverteilung über den ganzen Körper bedeutet ein geringeres Risiko.“ Risikoreicher leben Pferde mit einem auffälligen Kamm (sie- he Seite 20). Andere Risikosignale sind die Fettpolster links und rechts der Schweifrübe oder Fettpolster um das Auge herum.
Professor Kienzle: „Insulinrestistenz ist wie ein fauler Zahn: Damit werden Hufrehe, sämtliche Stoffwechselkrank- heiten, Diabetes, jegwelche Entzündun- gen begünstigt, es gibt Futtergallen, es gibt eher Entzündungen im Sehnen- und Gelenkbereich.“
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Wichtig: Langsam Auftrainieren!
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Speisekarte für den strammen Max
•Regel 1: Diät ohne Bewegung ist Stress fürs Pferd. •Regel 2: Futterzuteilung muss kontrolliert werden. •Regel 3: Kaum bis kein Kraftfutter. Wenn ein Dicker
viel arbeitet, braucht er schon Eiweiß, eventuell
spezielle Aminosäuren-Präparate.
•Regel 4: Auch Dicke können an Vitaminen oder
Spurenelementen unterversorgt sein. Bei reinem Raufutter: Aufs Pferd abgestimmte Aminosäuren, qualitativ hochwertiges Protein, damit das Pferd beim Abspecken keine Muskeln verliert.
•Regel 5: Zur Futterzeit Karotten, während alle ande- ren Kraftfutter bekommen. Sonst gibt´s Stress.
•Regel 6: Bei Diät und Bewegung sollte es innerhalb weniger Wochen eine Figurveränderung geben.
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22 REITER REVUE INTERNATIONAL 1/2010
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ILLUSTRATION: C. KOLLER


































































































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