Page 2 - Bitte zu Tisch
P. 2

THEMA DES MONATS
THEMA DES MONATS
Man ist was man (fr)isst – tatsächlich ist da was Wahres dran, das gilt
auch für Pferde. Die ideale Ernährung für unsere Vierbeiner hängt komplizierterweise nicht nur mit der Grammangabe der täglichen Ration zusammen, sondern auch mit Haltung, Futterqualität, Training – oder der feh- lenden Bewegung – und vor allem mit
Fütterungsmanagement.
Das heißt ganz konkret: Einen konkreten Rationsvorschlag für verschiedene Typen können wir pauschal nicht veröffentli- chen. Zwar gibt es ein Versorgungsniveau für den durchschnittlichen 600-Kilo- gramm-Warmblüter, der leichte Arbeit leistet, also der etwa eine Stunde täglich geritten wird: Sechs Kilogramm Heu und zwei Kilogramm Hafer täglich. Aber kon- krete Rationen funktionieren nur für den Einzelfall. Wir geben Ihnen dafür auf Seite 28 einen Überblick, welchen Ser- vice die Futteranbieter bei ihren Bera- tungen bieten.
Rationsberechnungen machen den Futtermeister sensibel
Professor Manfred Coenen vom Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik an der Universität Leipzig findet, dass im Prinzip jedes Pferd eine persönliche Rationsberechnung brauche. „Schon um die Sensibilität des Menschen nach einer gezielten Fütterung zu erhö- hen.“ Für den Professor geht es auch um den Erziehungswert.
Und: „Pferde im ambitionierten Sport sollten deshalb auf präzise Rationen ein- gestellt sein, damit man eine objektive Bewertungsgrundlage hat, wenn die Tie- re nicht die gewünschte Leistung brin- gen. Ich vergleiche das gerne mit der Milchproduktion: Wer von der Milchkuh lebt, der kann es sich nicht leisten, nach Gutdünken zu füttern. Er muss eine Analyse des Futters und einen Rations- plan haben, sonst ist er bankrott, bevor er die Melkmaschine anmacht.“
Es gibt natürlich viele Fütterungstypen. Und am Anfang einer Fütterungsumstel- lung steht erst einmal der Ist-Zustand.
Das dünne Pferd
Wenn die Rippen sichtbar sind, ist erst einmal Detektivarbeit angesagt: Warum ist das Pferd zu dünn? Dann gibt es vor allem viel Heu.
Pferde füttern ist für viele Men- schen eine Leidenschaft. Den wahren Speiseplan bestimmt aber der Pferdeorganismus.
Z u dünn? Wirklich? Pferde sind dann zu dünn, wenn sie einen Body Condition Score (BCS) zwi-
schen 1 und 3 haben. Bei BCS 3 sind die Rippen fühlbar, das Becken noch mit Fett bedeckt. Bei BCS 2 liegt eine leichte Fett- schicht über den Dornfortsätzen, Rippen sind sichtbar. BCS 1 steht für sehr dünn: die Dornfortsätze sind fühlbar, Rippen deutlich sichtbar, Hüfthöcker und Schweifansatz stehen vor. Die erste Tat: Mit dem Tierarzt nach Gründen suchen. Immer wiederkehrende Erklärungen für zu dünne Pferde sind Zahnprobleme, Parasiten, Stress oder mangelnde Futter- qualität. Letzteres ist ungesund bis giftig und vermiest empfindlichen Pferden schlichtweg den Appetit. Bei Schimmel oder verstaubtem Futter sind in einem solchen Bestand meist mehrere Pferde abgemagert. Zum anderen liefert schlech- tes Futter nicht genügend Energie, ge- schweige denn genügend Nährstoffe, Mineralien und Vitamine. Nährstoff-
mangel kann auch der Grund für ein Klappergestell sein, ein Blutbild ist auf- schlussreich.
Stress magert ab
Dass Pferde abmagern, kann auch an Stress liegen. „Oft unterschätzt wird Stress in Offenställen, wegen ständigem Wechsel oder der Hack-Hierarchie vor der Heuraufe“, erklärt Tierärztin Dr. Do- rothee Meyer von Futterhersteller Iwest. Ernsthafter Grund zum Haltungswechsel ist Muskelschwund, was man an der ex- trem eckigen Hinterhand er-
kennt. „Grundsätzlich können Pferde das Zu-mager-Sein viel besser vertragen als
zu fett zu sein“, sagt Professor Ellen Kienz-
le vom Lehrstuhl für Tierernährung an der Ludwig-Ma- ximilians-Uni-
versität München. „Aber diese Pferde sind absolut nicht leistungsfähig.“ Und: „Eine dauerhafte Versorgung am unteren Limit der Energieversorgung kann‘s nicht sein. Immer hungrig, das ist gegen den Tierschutz!“
Ist der Grund des Klappergestells gefun- den, sollte der normale Ernährungszu- stand hergestellt werden. Der Fütte- rungsspezialist Stephan Duren des Fut- terherstellers Performance Horse Nutrition aus Idaho/USA schlägt folgen- den Plan vor: Eine BCS-Stufe innerhalb von 60 Tagen zu erreichen. Der Weg da- hin, so seine Meinung, geht über guten Hafer und gutes, vor allem über viel Heu
– vor dem Kraftfutter verteilt. Das sieht Agraringenieurin Jasminka Ivanovivc von der Futterfirma Masterhorse ähnlich. „Leider wird das in vielen Ställen immer noch umgekehrt ge- macht. Aber so stellen sich die Ver- dauungsenzyme auf Futterverwer- tung ein und das Kraftfutter kann besser verwertet werden.“ COH
Speisekarte für den Hungerhaken
•Regel 1: Heu vor Kraftfutter geben. Für Hungerhaken Heu so viel das Pferd frisst – Heu erhöht die Verwertung des Kraftfutters.
•Regel 2: Frühgeerntetes und hoch verdauliches Heu.
•Regel 3: Kraftfutter nicht extrem erhöhen, Eiweiß-Überschuss! •Regel 4: Auf die Verdaulichkeit der Kraftfuttersorten achten: Mais
und Gerste sind stärkereich, sollten deshalb aufgeschlossen oder
sogar thermisch behandelt, also gepoppt, verwendet werden. •Regel 5: Viele Rationen, getreide- und fettreiches Kraftfutter! •Regel 6: Schmackhafte Futtermittel anbieten: Weizenkleie, Melasse,
Mash.
•Regel 7: Das Buch „Pferdefütterung“ von Meyer/Coenen empfiehlt
eine tägliche Futtermenge von 2,8 Prozent der Körpermasse. Für einen 600-Kilo-Warmblüter sind das 16,8 Kilo, hauptsächlich über Heu.
Eine Methode, ein Pferd einzuschätzen, wie dick oder dünn es ist, heisst Body Condition Score (BCS). Bei diesem Ver- fahren wird das Pferd an sechs Körper- stellen – Hüfte, Schweifansatz, Rücken, Schulter und so weiter – bezüglich seiner Fettdepots beurteilt, die sichtbare Mus- kulatur wird ebenso berücksichtigt. Die Bewertung liegt zwischen 1 für extrem dünn und 9 für adipös, also sehr fett. 5 ist der ideale Wert. Diesen BCS misst zum Beispiel das Team der mobilen Pfer- dewaage (www.pferdewaage.de) von Fir- mengründer Manfred Müller zusätzlich zum Körpergewicht. Vor zehn Jahren sei
er für seine Idee ausgelacht worden, in Ställe zu fahren, die Pferde auf seine mo- bile Pferdewaage zu stellen. Inzwischen hat Müller über 60.000 Pferde in Deutsch- land gewogen. Was der Mobile-Pferde- waage-Gründer noch misst, ist das Kammfett, das als die Alarm-Zone für ungesunde Verfettung gilt. „Mit einem Messschieber aus dem Metallbau berech- nen wir die Höhe des Kammfetts. Ein Zentimeter entspricht grob einer Stufe des BCS. 1 würde für ein ausgezehrtes Pferd sprechen, 8 oder 9 ist bedenklich!“ Müller vergleicht das Kammfett mit dem Bierbauch beim Menschen. COH
20 REITER REVUE INTERNATIONAL 1/2010
REITER REVUE INTERNATIONAL 1/2010 21
FOTO: H. SCHUPP
ILLUSTRATION: C. KOLLER


































































































   1   2   3   4